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Klaus Lederer: Meine 5 Cent zur aktuellen #COVID19-Lage, nach »einmal drüber schlafen«:

Eine Grundregel für gutes Krisenmanagement lautet: Vor die Lage kommen und konsistent kommunizieren. Was heißt das? Wer eine Krise gut managen will, muss sich immer das Ziel setzen, nicht den Entwicklungen hinterher zu laufen, zu reagieren, sondern Szenarien für die weitere Entwicklung vorzudenken, und frühzeitig eine Strategie zur Krisenbewältigung zu entwickeln. Je weniger das gelingt, desto stärker erodiert das Vertrauen der Menschen in die Krisenmanager*innen.

Genau das erleben wir im Moment. Im Frühjahr 2020 haben wir in einer gemeinsamen Kraftanstrengung sehr entschlossen die erste Welle der Corona-Pandemie eingedämmt. Schulen, Kitas, Gaststätten, Theater, Clubs und Geschäfte mussten schließen. Entscheidungen, die niemand leichtfielen, mir als Kultursenator zuallerletzt. Es folgte der Sommer der begrenzten Lockerungen und ein Herbst, in dem wir (trotz lauter Warnungen aus der Wissenschaft) die heraufziehende Welle solange unterschätzt haben, bis sie einschlug und einen zweiten Lockdown erzwang.

Der »Öffnungsplan« der MPK mit »Notbremse« kam zu einem Zeitpunkt, als die ansteckendere und tödlichere britische Mutation schon die Regie übernommen hatte. Man merkte es nur noch nicht, weil die Inzidenzzahlen sogar noch sanken, jedenfalls klein waren. Inzwischen liegt die Sache auf der Hand: exponentieller Anstieg, wir stehen vor einer dramatischen Entwicklung. Mit dem Plan verband sich die Hoffnung, der Impffortschritt und mehr Tests werde eine Balance ermöglichen, die das Virus »zähmt«. Sehen wir mal davon ab, was zu Impfen und Testen angekündigt wurde und wie es jetzt läuft, war das allein das Prinzip Hoffnung. Die stirbt ja bekanntlich zuletzt. Aber sie stirbt vor unseren Augen.

Hoffnung ist kein ausreichender Kompass, um »vor die Lage« zu kommen. Wir müssen uns ein klares und unbeschönigtes Bild der wahrscheinlichen Lage in den kommenden Wochen machen. Die werden schwer. Die Inzidenzen könnten auf Werte steigen, die über allem bisher Bekannten liegen. Die Mutationen sind tödlicher und ansteckender, und sie sind vor allem gefährlicher für junge Menschen. Unserem Gesundheitssystem droht damit nach wie vor eine akute Überlastungssituation. Ich würde hier gern etwas anderes schreiben, aber das wahrscheinlichste Szenario lautet, dass wir am Beginn einer neuen Eskalation der Corona-Pandemie stehen.

Dies zu realisieren, heißt auch, transparent zu informieren. Es ist jetzt schlicht unseriös, in Überschriften weitreichende Öffnungsschritte zu versprechen, und diese dann in Nebensätzen an das Vorliegen von niedrigen Inzidenzwerten zu knüpfen, mit denen kurzfristig niemand ernsthaft rechnen kann. Selbst der Osterlockdown von 5 Tagen wäre in diesem Zusammenhang übrigens auch nicht viel mehr als ein symbolischer Akt gewesen. Aber selbst der fällt ja nun aus.

Ein Blick in andere Länder, in denen die Mutationen bereits das Ruder übernommen haben, zeigt, was uns droht. Und das Zeitfenster zum Handeln ist klein. Eine Gesamtstrategie kann natürlich nur auf Testen, Impfen, Nachverfolgen und Abstand setzen. Deshalb steht und fällt jede Strategie mit der Beschleunigung des Impftempos und der flächendeckenden Bereitstellung von Tests.

Die Regel muss lauten: Erst impfen und testen, dann öffnen. Das heißt aber auch: solange so wenig getestet, und so langsam geimpft wird wie bisher, und solange die Infektionszahlen eine effektive Eindämmung durch Nachverfolgung verhindern, solange haben wir keine andere Option, als konsequente Schritte zu gehen, die auf mehr Abstand setzen. Was heißt das konkret?

1) Eine Notbremse zu vereinbaren, um sie dann nicht zu ziehen, wenn es nötig ist, schafft kein Vertrauen sondern Irritation. Man muss nicht etwas tun, was schon vor 4 Wochen nicht schlüssig war. Aber wir müssen abwägen, was in der neuen kritischen Situation sein muss.

2) Ob nach der Osterpause eine Öffnung der Schulen und Kitas erfolgen kann, muss im Lichte der dann vorliegenden Inzidenzzahlen in der Woche nach Ostern entschieden werden.

3) Wir müssen unnötige Wege durch die Stadt und Kontakte am Arbeitsplatz so weit wie möglich reduzieren. Daher brauchen wir für Berlin Regeln zur Homeoffice-Pflicht, die über den unverbindlichen Rahmen des Bundes hinausgehen. Dafür setze ich mich ein.

4) Kontakte im privaten Bereich müssen ebenfalls an das Tragen von Masken und das Vorliegen von Tests gebunden sein. Da wir das nicht anordnen oder überprüfen können, müssen wir engagiert dafür werben. Hier liegt ein zentrales Problem der exponentiellen Tendenz, denn dort wähnen sich viele vor dem Virus sicher.

5) Die Testinfrastruktur muss inklusive der Anbindung an Apps zügig ausgebaut werden, weil nur sie es ermöglicht, auch bei höheren Inzidenzen soziale Kontakte zu ermöglichen. Vor allem darf es nicht heißen: Wer nicht das Geld für Tests hat, hat dann eben Pech gehabt.

6) Die geplanten Pilotversuche, die auf Tests und Nachverfolgung setzen, sollten weiter stattfinden. Erst wenn das funktioniert — und die Hygienekonzepte sicher auch bei den neuen Mutationen funktionieren —, sind planmäßige vorsichtige Öffnungen verantwortbar. Das muss aber »geübt« werden, wir müssen lernen, was dabei sicher läuft und was verbessert und abgesichert werden muss. Deshalb haben wir etwa #perspektivekultur erfunden.

Wichtig scheint mir auch, klar zu sagen, dass uns jede neue Mutation vor neue Herausforderungen stellt. P 1, die brasilianische Variante, ist jetzt auch in Deutschland nachgewiesen. Sie gilt als noch ansteckender und gefährlicher als die inzwischen hier vorherrschende Mutation. Wir müssen jetzt klären, welche Annahmen unter diesen Bedingungen Bestand haben und welche nicht. Wir sind noch nicht an dem Punkt, wo Impfen und Testen das Virus »gezähmt« haben. Im Gegenteil. Und da ist Timing entscheidend. In Österreich sehen wir gerade, wie schnell es scheitert, wenn wir uns in falscher Sicherheit wiegen.


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