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Antje Schiwatschev
© Foto: Antje Schiwatschev

5. Parteitag, 3. Tagung

Zwischen Idealismus und Realismus

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Selim Akarsu

[Manuskript – es gilt das gesprochene Wort.]

 

Liebe Genossinnen und Genossen,
liebe Freundinnen und Freunde, verehrte Gäste,

als ich Anfang dieses Jahres Mitglied bei den LINKEN wurde und mich seitdem in der LAG Bildung engagiere, hätte ich nicht gedacht, dass ich im selben Jahr noch zu den Delegierten des Landes sprechen könnte! Ich arbeite nun seit acht Jahren als Lehrer und habe sowohl an einer ISS in Berlin, als auch an zwei Gymnasien in Brandenburg alle Klassenstufen unterrichtet. Ich möchte euch heute meine Sicht auf die Bildungslandschaft in Berlin darstellen.

Bis zum Schuljahr 2010/2011 gab es in Berlin in der Bildungslandschaft ein Mehrklassensystem. Meines Erachtens ist die wichtigste Errungenschaft unserer Partei in den neun Jahren Regierung die Einführung der Integrierten Sekundarschule und damit eine Reduzierung des Mehrklassensystems auf nun zwei Klassen: die ISS und das Gymnasium. Doch damit ist das Problem noch nicht gelöst. Denn Schülerinnen und Schüler einer ISS fühlen sich als zweitklassig gegenüber Schülern eines Gymnasiums. Sie sagen, dass sie nicht zu den »Guten« gehören. Ihnen wird gesellschaftlich suggeriert, dass ihre Leistungen weniger Wert sind als die von Schülern eines Gymnasiums – egal ob ihr Abschluss derselbe ist! Das wird noch durch das interne Zweiklassensystem innerhalb der ISS verschärft, falls die Schüler einen G/A-Kurs besuchen. Das ist aus meiner Sicht kein erfolgversprechendes System.

Ich kann aus meiner Erfahrung feststellen, dass jede Lerngruppe heterogen ist. Diese Heterogenität beruht auf den unterschiedlichen Fähigkeiten UND Interessen der einzelnen Schülerinnen und Schüler. Sie ist von der Grundschule bis zur gymnasialen Oberstufe feststellbar. Und das ist gut so, denn diese Unterschiede sind der Motor des Unterrichts! Die Schule gar die Klasse ist ein Abbild der Gesellschaft und braucht Unterschiede! Was wäre das nur, wenn wir alle gleich gestrickt wären! Und so dürfen wir nicht erwarten oder darauf hinarbeiten, dass alle Schüler/-innen gleich sind!

Die Gemeinschaftsschule ist ein wichtiges Ziel, um die Chancengleichheit für alle zu erhöhen! Der Weg zur Gemeinschaftsschule führt meiner Meinung nach zum einen über die Abschaffung des Zweiklassenbewertungssystems innerhalb der ISS und zum anderen über die Aufwertung der ISS. Dafür braucht es aber ein motiviertes, ideenreiches Personal und finanzielle Förderung. Empfindet die Gesellschaft eine ISS als ebenso leistungsstark wie ein Gymnasium, ist es nur noch ein kleiner Schritt hin zur Zusammenlegung als Gemeinschaftsschule.

Ein anderes höchst umstrittenes Vorhaben unserer Partei ist die Inklusive Schule. Natürlich bin ich DAFÜR, Menschen mit Einschränkung als Teil unserer Gesellschaft nicht aus zu grenzen, aber VOR der Implementierung dieses Vorhabens gibt es in der Lehrerschaft noch viel Klärungsbedarf. Die Lehrer müssen auf die Inklusive Schule vorbereitet werden, schon im Studium und für die aktiven Lehrer in Fortbildungen! Ein simpler Beschluss geht an den Lehrerinnen und Lehrern vorbei und lässt sie einsam im Regen stehen.Viele Menschen wählen unsere Partei nicht, weil sie starke Bedenken vor der Inklusionsschule haben.

Liebe Genossinnen und Genossen! Solange wir keine konkreten Antworten auf viele Fragen des Alltags haben, werden wir das dialektische Spannungsverhältnis zwischen Idealismus und Realismus nicht auflösen können. Aber genau das sollte unsere Aufgabe sein!

Ich bedanke mich fürs Zuhören. Danke.