Nakba-Tag: Recht auf Erinnerung ist grundlegendes Element demokratischer Gesellschaften
Zum Nakba-Tag am 15. Mai erklärt die Landesvorsitzende von Die Linke Berlin, Kerstin Wolter:
„Der 15. Mai ist für Palästinenserinnen und Palästinenser weltweit ein Tag des Gedenkens an Vertreibung und den Verlust ihrer Heimat im Zusammenhang mit der Gründung des Staates Israel im Jahr 1948. Für viele palästinensischen Familien ist dieser Tag bis heute mit persönlichen Erinnerungen und Trauer verbunden.
Die Gründung Israels am 14. Mai 1948 steht zugleich im historischen Kontext des von Deutschland verübten Holocausts, der Ermordung und Verfolgung der europäischen Jüdinnen und Juden. Für viele jüdische Menschen weltweit bedeutete der neue Staat einen dringend benötigten Zufluchtsort – in einer Welt, die Verfolgten oft die Aufnahme verweigert hatte und in der anhaltender Antisemitismus Israel bis heute für viele zu einem unverzichtbaren Bezugspunkt macht.
Berlin ist Heimat einer der größten palästinensischen Communities Europas. Viele Berlinerinnen und Berliner mit palästinensischer Familiengeschichte erleben den Nakba-Tag deshalb als einen wichtigen Tag des Erinnerns und Gedenkens.
Das Recht auf Erinnerung und das Recht, Trauer und Betroffenheit zu äußern, sind grundlegende Elemente einer demokratischen Gesellschaft. Dazu gehören Meinungs- und Versammlungsfreiheit ebenso wie die Möglichkeit, historische Erfahrungen sichtbar zu machen, auch dann, wenn sie schmerzhaft, umstritten oder politisch herausfordernd sind.
Der 7. Oktober 2023 und seine Folgen haben tiefe Wunden hinterlassen. Das Massaker der Hamas und der auch in Deutschland spürbare Antisemitismus verlangen Klarheit und eine eindeutige Haltung. Gleichzeitig erschüttert das Leid der Zivilbevölkerung im Gazastreifen viele Menschen in unserer Stadt.
Viele palästinensische Berlinerinnen und Berliner berichten, dass sie bei Trauer und Gedenken mit pauschalen Verdächtigungen konfrontiert sind. Zugleich erleben viele Jüdinnen und Juden in Berlin seit dem 7. Oktober vermehrt Antisemitismus. Antisemitismus hat in Berlin keinen Platz, auch nicht im Kontext politischer Auseinandersetzungen oder von Gedenken. Gleiches gilt für Rassismus und jede Form von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit.
Unserem vielfältigen Berlin tun unterschiedliche Erinnerungen gut. Unsere Demokratie lebt davon, dass verschiedene Perspektiven und Verlusterfahrungen sichtbar sein dürfen – ohne Relativierung, ohne Gleichsetzung, aber auch ohne Verdrängung. Friedliches Gedenken muss möglich sein, solange es respektvoll, gewaltfrei und frei von antisemitischen, rassistischen oder gewaltverherrlichenden Inhalten bleibt.
Unser weltoffenes Berlin lebt davon, dass Menschen mit unterschiedlichen Geschichten einander mit Respekt begegnen und Raum für Erinnerung haben. Denjenigen zuzuhören, die am 15. Mai um das trauern, was ihre palästinensischen Familien verloren haben, ist eine Frage des Anstandes. Es ist das Selbstverständlichste, was eine demokratische Stadt tun kann.“
